Bindungsangst hat große Auswirkungen auf die Sexualität und kann sogar zur sexuellen Blockade führen. Lass es uns am Beispiel von Melissa und Tom näher anschauen.
Melissa erzählte mir in unserer ersten Sitzung mit tränenden Augen, dass ihre Beziehung mit Tom wie eine aufregende Affäre begann – leidenschaftlich, intensiv, voller Sex. Nach einigen Monaten wollte sie mehr und überzeugte Tom, eine verbindliche Beziehung anzugehen. Und seitdem änderte sich alles: Der anfangs regelmäßige, leidenschaftliche Sex wurde langsam emotionslos und selten. Tom wurde reservierter, und wenn Melissa ihn darauf ansprach, dass sie es sich wieder so wünsche, wie es war, blockte er komplett ab. „Ich bin einfach nicht mehr in der Stimmung“, sagte er – doch Melissa spürte: Es war mehr als nur Lustverlust.
Wie Bindungsangst die Sexualität prägt, warum emotionale Nähe zur sexuellen Blockade führen kann und was dabei hilft – darum geht es in diesem Artikel.
Sexualität bei Menschen mit Bindungsangst
Melissa und Tom lernten sich bei einer Grillparty bei gemeinsamen Freunden kennen. Tom war damals noch vergeben, wollte Melissa trotzdem kennenlernen. Sie verstanden sich sofort gut. Bei dem ersten Bier erzählte er ihr ganz offen, dass er sich in seiner Beziehung eingeengt fühle. Dass seine Freundin ihn zu sehr kontrolliere, dass er kaum eigenen Raum habe, dass er sich nach Freiheit sehne.
Nach ein paar Wochen begannen sie eine Affäre. Melissa sah die Chance auf einen echten Partner, auf eine Beziehung, auf Nähe. Sie überredete Tom, sich von seiner Freundin zu trennen und mit ihr zusammenzukommen.
Anfangs waren beide sehr verliebt. Sie schwebten auf Wolke sieben. Damals trafen sie sich noch heimlich, es war verboten und aufregend. Der Sex war intensiv, leidenschaftlich und regelmäßig. Doch als sie offiziell zusammenwaren, als die Beziehung verbindlich wurde, änderte sich Tom.
Er meldete sich seltener. Er zeigte weniger Lust. Der Sex wurde kürzer. Das Vorspiel, das früher so intensiv war, verschwand. Und das Schlimmste für Melissa: Er sah sie beim Sex nicht mehr an. Er schaute an ihr vorbei, in die Decke, zur Seite. Sex wurde mechanisch. emotionslos. Ein Akt, den man abarbeitet. Melissa fühlte sich benutzt und gleichzeitig abgelehnt. Das zerstörte sie innerlich.
Was ist hier passiert? Als Psychologin vermute ich, dass Tom sehr wahrscheinlich Bindungsangst hat. Und seine Sexualität ist der erste Bereich, der kollabiert. Denn für vermeidende Menschen ist Sex mit einem festen Partner der Moment größter emotionaler Verletzlichkeit. Sobald die Beziehung echt wird, sobald es keine Ausweichmöglichkeit mehr gibt, aktiviert sich sein Nervensystem. Alarmglocken läuten: Nähe = Gefahr.
Seine Libido ist nicht weg, weil er Melissa nicht mehr liebt, sondern weil sein Bindungsstill den alten Schutzmechanismus aktiviert, der ihn von erneuten Verletzungen bewahren soll.
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Sexualität ohne Nähe
Menschen mit Bindungsangst entwickeln unbewusst bestimmte Strategien, um Sexualität zu leben, ohne dabei emotional wirklich involviert zu sein. Sie brauchen eine Distanz, einen Schutzraum, damit die Nähe nicht überwältigend wird. Und Tom hat diese Strategien bei Melissa offensichtlicherweise angewendet – ohne dass er es selbst bewusst wusste.
Typische Strategien sind:
- Mechanischer Sex
Tom sah Melissa beim Sex nicht mehr an. Kein Blick in die Augen, kein Halten, kein Küssen zwischendurch. Der Sex wurde zum Akt, den man abarbeitet. Warum? Weil Blickkontakt für Menschen mit Bindungsangst zu viel Intimität erzeugt. Blickkontakt ist eine der intimsten Formen der Verbindung – man sieht die Seele des anderen. Für Menschen mit vermeidenden Bindungsstil fühlt sich das bedrohlich an, weil es emotionale Verletzlichkeit erzwingt. - Seltener Sex, keine Initiative
Tom zeigte weniger Lust, meldete sich seltener, fingte nichts mehr an. Warum? Weil jede Initiative eine emotionale Investition ist. Wenn der vermeidende Partner Sex anbietet, sendet das Signal: Ich will Nähe. Ich will Verbindung. Das Nervensystem registriert das als Bedrohung. Also dämpft es die Libido. Die sexuelle Lust ist nicht weg – sie wird unbewusst unterdrückt, weil sie zu viel Nähe bedeuten würde. - Kein Vorspiel, keine Zärtlichkeit
Warum ist Vorspiel für bindugsästige Menschen so schwer? Weil Vorspiel mehr emotionale Präsenz erfordert als der Sex selbst. Beim Vorspiel geht es um Zärtlichkeit, um langsames Aufbauen, um Hingabe. Der Sex selbst kann schnell mechanisch werden, aber Vorspiel verlangt Aufmerksamkeit für den anderen. Das erzeugt emotionale Nähe – und das erweckt ein Unbehagen. - Sex als Selbstbestätigung, nicht als Liebesbeweis
Menschen mit Bindugsnagst erleben Sex oft als die Bestätigung, dafür dass sie begehrenswert und attraktiv sind, nicht als Eichen von Liebe und Nähe. Warum? Weil Liebesbeweis Verbindlichkeit bedeutet. Selbstbestätigung ist sicher – es geht um mich, nicht um wir. Bei Selbstbestätigung muss ich mich nicht öffnen, nicht verletzlich zeigen. Ich behalte Kontrolle. Das ist der Unterschied zwischen „Ich brauche dich“ und „Ich brauche das Gefühl, um mich begehrt zu fühlen“. - Affären und One-Night-Stands
Das erklärt, warum Tom damals noch in einer Beziehung war und trotzdem Melissa wollte. Unverbindlicher Sex ist sicher. In der Affäre gibt es keine Erwartung. Keine Verpflichtung. Keine emotionale Verantwortung. Deshalb ist der Sex dort oft intensiv und leidenschaftlich. Warum? Weil das Nervensystem sich nicht bedroht fühlt. Keine Bindung = keine Gefahr. - Gedanklich woanders beim Sex
Tom schaute an Melissa vorbei, in die Decke, zur Seite. Der Kopf ist abwesend. Warum dissoziieren Menschen mit Bindungsangst beim Sex? Weil Dissoziation eine Überlebensstrategie ist. Der Körper ist da, aber der Geist schützt sich, indem er die Emotion abschaltet. Das Nervensystem hat gelernt: Gefühle sind gefährlich. Also fährt es die emotionale Präsenz herunter. Man spürt den Körper, aber nicht die emotionale Nähe. - Selbstbefriedigung oder Pornografie als Ersatz
Viele Menschen mit Bindungsnagst befriedigen sich lieber selbst, weil das sicher ist. Warum? Weil Selbstbefriedigung kontrollierbar ist. Keine Erwartung vom anderen. Keine emotionale Verletzlichkeit. Pornografie braucht ebenfalls keine Verbindung. Man bleibt allein, auch wenn man Sex hat. Das Nervensystem fühlt sich sicher. - Rückzug nach dem Sex
Sobald der Orgasmus da ist, kommt der Rückzug. Kein Kuscheln, kein gemeinsames Einschlafen – nichts. Warum? Weil nach dem Orgasmus das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird – das Hormon, das Verbundenheit erzeugt. Für Menschen mit Bindungsangst ist das bedrohlich. Oxytocin macht sie abhängig von der Verbindung. Also ziehen sie sich zurück, um die Wirkung zu reduzieren. Rückzug ist der Versuch, die emotionale Bindung zu neutralisieren. Verweigerung von mehr Intimität
Melissa sprach Tom darauf an, dass sie sich mehr Blickkontakt beim Sex wünsche, ein intensiveres Vorspiel, wie damals am Anfang. Sie wollte die Verbindung zurück, die Intensität, die Nähe. Und Tom hat komplett abgeblockt. Er hat gesagt: „Ich bin einfach nicht mehr in der Stimmung.“ Aber es war mehr als das.Warum blockt ein Mensch mit Bindungsangst komplett ab, wenn der Partner mehr Intimität fordert? Weil Intimität bedeutet mehr emotionale Präsenz, mehr Verpflichtung und Verbindlichkeit.
Das Abblocken ist der letzte Schutzmechanismus. Wenn alle anderen Strategien nicht mehr funktionieren – wenn der Partner zu sehr nach Nähe und Verbindlichkeit drängt – dann kommt das vollständige Abblocken.
Bei Menschen mit Bindungsangst kann zu viel emotionale Nähe auch zu sexueller Blockade führen, warum das passiert schauen wir uns im nächsten Abschnitt an.
Sexuelle Blockade bei Bindungsangst
Sexuelle Blockade bei Bindungsangst ist eine körperliche Antwort des Nervensystems auf eine wahrgenommene Bedrohung – und diese Bedrohung heißt emotionale Nähe und Verletzlichkeit.
Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil haben früh gelernt, dass Nähe unsicher ist. Nicht unbedingt durch ein einziges traumatisches Erlebnis, sondern oft durch einen langen Prozess: Emotionen wurden von primären Bezugspersonen ignoriert, Bedürfnisse nach Verbindung abgelehnt oder bestraft, Nähe zog Schmerz nach sich. Das Nervensystem hat diese Erfahrungen gespeichert – tief im Körper, weit unterhalb des Bewusstseins. Und es hat eine einfache Regel daraus gebaut: Nähe ist gefährlich. Zieh dich zurück, bevor es wehtut.
Diese Regel gilt auch im Schlafzimmer.
Sex ist in einer festen Partnerschaft einer der intimsten Momente überhaupt. Er vereint körperliche Berührung, emotionale Verletzlichkeit, Augenkontakt, Hingabe und Verbundenheit in einem einzigen Moment. Für Menschen ohne Bindungsangst ist das Geborgenheit. Für Menschen mit vermeidendem Bindungsstil ist es Überwältigung.
Was dann passiert, ist keine bewusste Entscheidung. Das Nervensystem registriert Intimität als Bedrohungssignal und aktiviert seine Schutzprogramme: Es drosselt die Libido, schaltet emotionale Präsenz ab, unterbricht den Zugang zum eigenen Körpergefühl. Das, was wir dann von außen als „sexuelle Blockade“ sehen, ist in Wirklichkeit das Nervensystem bei der Arbeit. Es schützt den Menschen mit Bindungsangst vor etwas, das es als Gefahr kennt – auch wenn die Gefahr längst nicht mehr real ist.
Besonders auffällig ist dabei das sogenannte Deaktivierungsmuster: Das Bindungssystem, das eigentlich Verbindung sucht, wird absichtlich herunterreguliert. Die sexuelle Lust ist dann nicht verschwunden – sie wird aktiv unterdrückt, weil das Nervensystem erkannt hat, dass Sex in dieser Beziehung zu mehr Nähe führen würde. Und mehr Nähe bedeutet für das alte System: mehr Verletzlichkeit, mehr Abhängigkeit, mehr Schmerz.
Dieses Muster verstärkt sich über die Zeit. Je enger die Bindung wird, je mehr Verbindlichkeit entsteht, desto mehr aktiviert sich der Schutzmechanismus. Deshalb ist Sex am Anfang einer Beziehung mit bindungsängstlichen Menschen oft intensiv und leidenschaftlich – die emotionale Gefahr ist noch nicht groß genug, um das Nervensystem zu alarmieren. Erst wenn die Beziehung echt wird, wenn es kein Entkommen mehr gibt, wenn der andere anfängt, wirklich zu zählen, greift die Blockade.
Körperliche und emotionale Intimität
Es gibt einen Unterschied zwischen körperlicher und emotionaler Intimität – und dieser Unterschied erklärt, warum die sexuelle Blockade bei Bindungsangst so verwirrend sein kann, sowohl für den Menschen selbst als auch für den Partner.
Körperliche Intimität meint den physischen Kontakt: Berührung, Sex, Küssen, Körpernähe. Emotionale Intimität meint etwas anderes – sie entsteht durch Blickkontakt, durch das Zeigen von Verletzlichkeit, Kuscheln, durch gemeinsames Schweigen, das Gefühl, wirklich gesehen zu werden. Beides kann im Sex stattfinden, muss es aber nicht.
Menschen mit Bindungsangst können körperliche Nähe oft tolerieren – solange sie emotional auf Abstand bleibt. Sex funktioniert dann wie eine körperliche Handlung ohne innere Beteiligung. Kein Blickkontakt, kein Vorspiel, kein Kuscheln danach. Der Körper ist anwesend, aber die Person ist nicht wirklich da.
Der entscheidende Moment, in dem die sexuelle Blockade einsetzt, ist nicht der Körperkontakt an sich – es ist der Übergang zur emotionalen Präsenz. Sobald Sex anfängt, emotional zu werden, sobald Verbundenheit entsteht, sobald der Körper durch das Bindungshormon Oxytocin signalisiert: Hier ist jemand, dem du wichtig bist – genau dann schlägt das Nervensystem Alarm.
Deshalb kann ein Mensch mit Bindungsangst körperlich vollständig anwesend und gleichzeitig emotional vollständig abwesend sein.
Emotionale Intimität außerhalb des Betts löst dieselbe Reaktion aus – manchmal sogar noch stärker. Tiefe Gespräche, echtes Zeigen von Schwäche, das Aushalten von Stille zu zweit: All das aktiviert dasselbe Schutzmuster. Das erklärt, warum Menschen, die eine Beziehung mit einem bindungsängstlichen Partner führen, oft berichten, dass sie zwar Sex haben, sich aber trotzdem einsam fühlen.
7 Schritte zur Befreiung von der sexuellen Blockade
Die gute Nachricht zuerst: Eine sexuelle Blockade, die durch Bindungsangst entsteht, ist kein Urteil und kein Dauerzustand. Es gibt konkrete Ansätze, die Paaren, die gemeinsam einen Weg aus dem Nähe-Distanz-Muster suchen, helfen. Diese sieben Schritte zeigen, was möglich ist.
1. Psychoedukation: Verstehen, dass es ein Schutzmechanismus ist
Der erste und vielleicht wichtigste Schritt ist das Verstehen. Menschen mit Bindungsangst tragen oft eine stille Scham mit sich: Warum will ich keine Nähe, obwohl ich doch Sehnsucht danach habe? Warum funktioniert bei mir nicht, was bei anderen so selbstverständlich zu sein scheint? Psychoedukation bedeutet, zu verstehen, dass die sexuelle Blockade eine Schutzreaktion eines Nervensystems ist, das früh gelernt hat: Nähe bedeutet Schmerz. Zieh dich zurück, bevor es passiert.
Auch für die Partner ist es wichtig, den Rückzug nicht persönlich zu nehmen und es nicht als „er liebt mich nicht mehr“ zu interpretieren.
2. Langsame Annäherung an emotionale Nähe
Wer versucht, eine sexuelle Blockade durch Überwindung zu brechen, treibt das Nervensystem nur tiefer in den Schutzreflex. Was wirkt, ist das Gegenteil: Nähe in kleinen, sicheren Dosen zulassen.
Das kann bedeuten, Augenkontakt beim Gespräch zu halten, eine Minute länger zu umarmen als gewohnt, Stille mit dem Partner auszuhalten, ohne das Handy zur Hilfe zu nehmen. Jede kleiner Schritt in dem Nähe sicher war, schreibt ein neues Signal in das Nervensystem. Das braucht Zeit und Wiederholung, kein Druck.
3. Körperorientierte Therapieansätze nutzen
Weil die Blockade im Körper sitzt, reicht es nicht aus, sie nur mit dem Verstand zu bearbeiten. Körperorientierte Ansätze wie Somatic Experiencing, körperzentrierte Traumatherapie oder EMDR setzen direkt an der Stelle an, wo das Muster gespeichert ist – im Nervensystem.
Das Ziel ist dabei dem Körper beizubringen, dass er in Verbindung sicher sein kann. Das geschieht durch langsame, regulierte körperliche Erfahrungen – oft ohne, dass auch nur ein Wort über Sex fällt.
4. Sex pausieren, um neue Näheformen zu entdecken
Das klingt zunächst kontraintuitiv, ist aber einer der wirkungsvollsten Schritte für Paare: Sex bewusst pausieren und stattdessen nicht-sexuelle Formen von Nähe erkunden.
Warum hilft das? Weil der Druck, Sex zu haben oder zu wollen, das Nervensystem bereits in Alarmbereitschaft versetzt, bevor überhaupt etwas passiert. Wenn Sex aus dem Raum genommen wird, entsteht Sicherheit. Paare können Berührung neu entdecken – ohne Erwartung, ohne Ziel, ohne den unausgesprochenen Druck, der sich oft über Monate aufgebaut hat. Diese Phase schafft ein neues Fundament, auf dem Sexualität sich irgendwann wieder frei entfalten kann.
5. Emotionally Focused Therapy für Paare in Betracht ziehen
Die Emotionally Focused Therapy – entwickelt von der Psychologin Sue Johnson – ist ein paartherapeutischer Ansatz, der direkt an den Bindungsmustern beider Partner ansetzt. Er hilft Paaren zu verstehen, welche Dynamiken zwischen ihnen entstehen, wenn ein Bindungsstil auf den anderen trifft, und wie sich diese Dynamiken verändern lassen.
Besonders wirksam ist dieser Ansatz, wenn beide Partner bereit sind, sich auf den Prozess einzulassen, weil er nicht auf Techniken oder Kommunikationsregeln setzt, sondern auf das emotionale Erleben selbst. Viele Paare berichten, dass sich ihre sexuelle Verbindung verändert hat, ohne dass Sex im Mittelpunkt der Therapie stand – weil die emotionale Sicherheit zwischen ihnen gewachsen ist.
6. Angst benennen, statt sie zu handeln
Menschen mit Bindungsangst handeln ihre Angst oft aus, ohne sie zu benennen. Rückzug, Schweigen, Ablenkung, plötzliche Kälte nach einem schönen Abend – das alles sind Ausdrucksformen einer Angst, die keinen Platz findet, weil sie nicht in Worte gefasst werden kann.
Der Schritt, der viel verändert, ist dieser: die Angst benennen, bevor man danach handelt. „Ich bemerke gerade, dass ich mich zurückziehen will. Ich spüre Enge. Ich habe Angst.“ Dieser innere Moment der Achtsamkeit unterbricht den automatischen Reflex – nicht immer, aber zunehmend. Der Unterschied zwischen einer Reaktion und einer Wahl beginnt in diesem kleinen Spalt zwischen Reiz und Reaktion.
7. Polyvagal-Theorie: Das Nervensystem regulieren lernen
Stephen Porges‘ Polyvagal-Theorie beschreibt, wie das autonome Nervensystem in drei Zuständen operiert: im sicheren, verbundenen Zustand, im Kampf-oder-Flucht-Modus und im Erstarrungsstand. Menschen mit Bindungsangst rutschen bei emotionaler Nähe häufig in einen der beiden letzteren – das Nervensystem schaltet in Kampf- und Flucht-Modus, auch wenn der Verstand weiß, dass keine Gefahr besteht.
Was hilft, ist das aktive Erlernen von Regulationstechniken – Methoden, die direkt mit dem Nervensystem arbeiten. Zwei davon stehen im Zentrum meiner Arbeit: EFT-Klopfen (Emotional Freedom Techniques) und Breathwork.
EFT-Klopfen arbeitet mit dem Körper über Akupressurpunkte: Durch das Klopfen auf bestimmte Meridianpunkte, während belastende Gedanken oder Gefühle bewusst gehalten werden, sendet der Körper ein direktes Beruhigungssignal an das Nervensystem. Angst, Scham und das tiefe Gefühl von „Nähe ist gefährlich“ können sich so langfristig auflösen.
Breathwork – bewusstes Atmen – setzt an derselben Stelle an: Der Atem ist die einzige autonome Körperfunktion, die wir bewusst steuern können, und genau deshalb ist er ein direkter Zugang zum Nervensystem. Atemübungen heben den Körper aus dem Überlebensmodus heraus und schaffen einen Zustand, in dem Verbindung sich sicher anfühlen kann.
Ratschläge helfen an diesem Punkt wenig, weil das, was dich festhält, kein Denkproblem ist. Bindungsangst und sexuelle Blockade sitzen im Körper – in einem Nervensystem, das gelernt hat, sich zu schützen, und das genau das immer noch tut, auch wenn der ursprüngliche Schmerz längst vergangen ist.
Veränderung geschieht dort, wo das Nervensystem neue Erfahrungen machen darf. Wo der Körper lernt, dass Nähe sicher sein kann. Genau das ist es, womit ich in meiner 1:1-Begleitung arbeite – mit EFT-Klopfen und Breathwork als Kernmethoden, weil sie direkt an der Wurzel ansetzen: im Körper, nicht im Kopf.
Wenn du spüren möchtest, ob meine Begleitung das Richtige für dich ist, lade ich dich zu einem kostenlosen Erstgespräch ein, wo wir gemeinsam schauen können, wo du gerade stehst und ob ich dir dabei helfen kann.
Wie wirkt sich Bindungsangst auf die Sexualität aus?
Bindungsangst zeigt sich in der Sexualität durch einen schleichenden Rückzug: Sex wird seltener, mechanischer, emotionsloser. Blickkontakt wird vermieden, Vorspiel und Zärtlichkeit verschwinden, Kuscheln danach fühlt sich unangenehm an. Viele Betroffene berichten, dass die Leidenschaft nach dem Beginn einer verbindlichen Beziehung nachlässt – obwohl die Anziehung noch da ist.
Warum kann Bindungsangst zu sexueller Blockade führen?
Bindungsangst kann zu sexueller Blockade führen, weil das Nervensystem emotionale Nähe als Gefahr gespeichert hat – und Sex in einer festen Beziehung genau das erzeugt. Das System unterdrückt dann aktiv die Lust, um sich zu schützen. Die Blockade ist ein körperlicher Schutzreflex: Der Körper macht dicht, bevor echte Verletzlichkeit entstehen kann.
Was kann ich tun, wenn ich eine sexuelle Blockade habe?
Wenn du eine sexuelle Blockade hast, ist der erste Schritt, aufzuhören, dich dafür zu verurteilen. Die Blockade ist ein Schutzmechanismus deines Nervensystems – kein Charakterfehler und kein Zeichen, dass etwas mit dir nicht stimmt. Hilfreich sind körperorientierte Methoden wie EFT-Klopfen oder Breathwork, die direkt mit dem Nervensystem arbeiten, sowie professionelle therapeutische Begleitung.
Wie kann ich meinem Partner helfen, sexuelle Blockade zu überwinden?
Deinem Partner bei der sexuellen Blockade zu helfen, bedeutet vor allem: keinen Druck machen. Drängen verstärkt den Schutzreflex im Nervensystem deines Partners. Was wirklich hilft, ist emotionale Sicherheit aufzubauen – im Alltag, außerhalb des Schlafzimmers. Zeig, dass Nähe bei dir sicher ist, ermutige sanft zur professionellen Begleitung und gib dem Prozess Zeit.
Wann lohnt es sich, an einer Beziehung mit einem Partner mit Bindungsangst zu arbeiten?
An einer Beziehung mit einem bindungsängstlichen Partner lohnt es sich nur dann zu arbeiten, wenn er selbst bereit ist, seine Muster zu erkennen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Bindungsangst lässt sich verändern – mit der richtigen Begleitung und echtem Willen zur Veränderung. Fehlt diese Bereitschaft, erschöpft sich die Beziehung oft auf einer Seite.
Passend dazu empfehle ich dir noch diese Beiträge:
Wenn du tiefer in das Thema Bindungsstille und emotionale Abhängigkeit eintauchen möchtest, können diese Bücher eine sehr gute Ergänzung zu Therapie oder Coaching sein:
Trauma und Beziehungen: Wie wir die immergleichen Bindungsmuster hinter uns lassen von Verena König
Paartherapie für Zuhause – In 8 Wochen die Beziehung retten von Konrad Eisenberg
Jeder ist beziehungsfähig: Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe. von Stefanie Stahl
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